WOLFENBÜTTEL. Wer von den Gästen im Theatersaal des Schlosses sich einen ruhigen Nachmittag
gewünscht hatte, der konnte sich getäuscht fühlen: Zunächst mussten die 25 Besucher noch
schnell ein Drehbuch schreiben. Kein Scherz - die beiden Zwillingsbrüder Nils und Carsten
Niemann, die hinter dem Papiertheater Liselotte aus Berlin stecken, verteilten erstmal Rollen.
Aus einem Theateralmanach von 1829 ließen sie im Publikum per Würfel 200 Züge herausziehen. Diese
Versatzstücke ergaben dann ein Theaterstück, das sie in ihrem Papiertheater aufführten. "Eins
steht fest", sagte Nils Niemann. "Dieses Stück hat es so noch nicht gegeben - eine Welt-Uraufführung."
Und die beiden Berliner, die übrigens 1969 in Wolfenbüttel geboren wurden, entführten ihre Gäste
zudem noch einige Minuten in die Geschichte des Papiertheaters. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts
nämlich sei die Theaterbegeisterung in Deutschland enorm gewesen. In den Salons und bei Feiern
spielte man gerne die großen Stücke im Kleinen nach - eigentlich könnte man sogar sagen "im Winzigen",
denn die Figuren, die auf Schienen über die kleine Bühne huschen, sind nur wenige Zentimeter groß.
Theaterautoren wie Kotzebue sahen sich schon damals gezwungen, wegen des ständig steigenden
Bedarfs an neuen Stories in rascher Folge neue Stücke zu schreiben. "Ganz ähnlich wie heute bei
der Vorbereitung von soap-operas. Es gelang Kotzebue sogar, einen Einakter an nur einem Tag
fertig zu stellen", erzählte Carsten Niemann. Später verfiel man dann auf den Trick mit dem
Almanach, um noch mehr Zeit zu sparen.
Zwar dauerte es am Sonntag im Schloss einige Zeit, bis 200-mal gewürfelt worden war. Aber nach
dem Ende dieses Geduldspiels war wirklich jeder gespannt, wie die beiden Künstler mit dem ja auch
für sie völlig neuen Stoff umgehen würden. Ergebnis: Keine Probleme. Allerdings genügt im
Papiertheater auch eine Person, um die vier bis fünf Figuren zu bewegen. Die andere liest die
Versatzstücke, also die Handlung vor. Viel Applaus gab es anschließend vom Publikum - oder sollte
man besser sagen: von den Autoren des Stücks?