Montag, 9. Februar 2004
Phantasie als Regisseur
Berliner Figurentheater im Röhrmeisterhaus mit Lessings „Die alte Jungfer“ zu Gast
Von Andreas Kirschke
Eine Bühne - nur so groß wie ein Fernseher? Und Figuren nach historischen Vorlagen,
in ihren Posen sorgfältig auf Papier gezeichnet? Gleich zehn verschiedenen Menschentypen verleiht
Carsten Niemann Freitag- und Samstagabend seine Stimme.
Mit kraftvoller, klarer Stimme singt
er dazu. Sein Bruder Nils führt die Papierfiguren. Ein authentischer Ausflug in die Zeit der
Miniaturbühne des 19. Jahrhunderts eröffnet sich den Gästen anlässlich der 43. Kamenzer
Lessing-Tage im Röhrmeisterhaus. Das Figurentheater „Liselotte“
aus Berlin zeigt erstmals Lessings Stück „Die alte Jungfer“.
„Soll Euer Vermögen in den Bäuchen verschwenderischer Erben landen?
Wollen Sie denn zu Grabe fahren, ohne das schleckende Vergnügen des
Ehestandes erfahren zu haben?“, hört Mademoiselle Ohldin von ihrem Bekannten.
Nach Jahren reiflicher Überlegung entschließt sich die alte Jungfer endlich zur Heirat.
Sie fasst Kapitän von Schlag, einen abgedankten Offizier, ins Auge.
Doch jeder im Umkreis der Jungfer will von diesem Heiratsschacher profitieren.
Sei es der Vetter, die Dienerin Lisette, Brezeljunge Peter, der gerissene Poet oder
der Lebemann. Ein jeder kocht sein Süppchen:. „... denn die Losung in der Welt ist das Geld,
ist das Geld“, singt Carsten Niemann.
Eine bissige Satire auf den äußerlich galanten Umgangston spürt das Publikum. Eine Satire auf Egoismus, Dünkel und Gier. Keine der agierenden Personen lässt Lessing mit seinem Spott aus. Auch nicht die alte Jungfer selbst, die am Ende fast zum Spielball eines Verwechslungsspiels wird. Viel Applaus ernten die Berliner Künstler für dieses Stück, das Lessing als 19-Jähriger schrieb.
Ein anderer Zugang zum Dichter aus der Lausitz
„Es ist ein anderer Zugang zu ihm“, finden Ines und Silke Handrack aus Dresden. „Ich hatte erst gar keine Vorstellung davon, was Papiertheater ist“, sagt Begleiterin Beate Gleisberg. Noch Minuten später lässt sie das Stück auf sich wirken. Die Neugier auf die 43. Kamenzer Lessing-Tage hat die drei hergeführt. Für Werner Fuchs aus Reichenau ist es vor allem die Erinnerung. „Nach 30 Jahren habe ich ,Die alte Jungfer‘ in einer außergewöhnlichen Art und Form wiedergesehen. Es war gut und eine schöne Erinnerung. Mit Lessing so weitermachen“, zollt er den Künstlern im Gästebuch dankbar Respekt. Manch einer wirft Freitag und Sonnabend nach der Vorstellung noch einen Blick hinter die Kulissen. Museumsmitarbeiterin Sylvia Böhme zeigt sich mit dem regen Zuspruch zufrieden.
„Ein freches Jugendwerk. Kein fertiger Klassiker. Mit solchen Stücken hat Lessing sein Handwerkszeug erlernt“, erläutert Nils Niemann. „Ich glaube, gerade weil er hier in Kamenz seine Jugend verbrachte, passt es gut zu den Festtagen.“
Lessing schrieb „Die alte Jungfer“ 1748, drucken ließ er es 1749 in Berlin. Anzunehmen ist, dass es später die Theatergruppe um Caroline Neuber in Leipzig spielte. Bewusst hat Nils Niemann zusammen mit seinem Zwillingsbruder auf den Bezug zur Moderne verzichtet. „Die alte Jungfer“ soll für sich sprechen. „Wir wollen die Leute in die damalige Zeit versetzen. Sie sollen das Stück aus dieser Sicht verstehen.“
Seit drei Jahren treten sie gemeinsam auf. Die Beschäftigung mit barocker Theatertechnik und Inszenierungskunst führte die beiden Musikwissenschaftler zur „Guckkastenbühne“ des Papiertheaters. Figuren und Dekorationen basieren teils auf historischen Vorlagen, teils aus eigenen Entwürfen. Gern orientieren sie sich an Zeichner und Kupferstecher Daniel Chodowiecki.
„Gerade das Papiertheater kann Menschentypen gut rüberbringen“, schildern die beiden gebürtigen Wolfenbütteler, deren besondere Liebe dem Aufspüren origineller und zum Teil nie gespielter Theatertexte gilt. „Die Phantasie des Publikums ist unser bester Regisseur. In dem Sinne, dass man ergänzt. Wir geben beim Spiel den Impuls. Der Rest wird ausgemalt.“