Barockstadt Wolfenbüttel hat ihr Leben geprägt: Niemann-Zwillinge zeigen "ungehobene Schätze"
Wolfenbüttel. Wenn das Berliner Papiertheater "Liselotte" am heutigen Sonntag im Theatersaal
des Schlosses gastiert, weiß kaum jemand, daß es sich bei den Akteueren hinter der Bühne um die
Zwillingsbrüder Carsten und Nils Niemann handelt. Die beiden wurden 1969 in Wolfenbüttel geboren
und wuchsen inmitten der Barock- und Bibliotheksstadt auf, was nicht ohne Folgen blieb. Beide
widmeten sich dem, was sie in ihrer Kindheit und Jugend umgeben hat, studierten gemeinsam Musikwissenschaft
und machten das Barocktheater zu Beruf und Leidenschaft.
Während Nils Niemann die Große Schule besuchte, durchlief Carsten seine schulische Laufbahn auf dem
Schloßgymnasium. "Die barocken Figuren an der Brücke und der Unterricht in den historischen Räumen
haben mich von Anfang an geprägt", beschreibt Carsten Niemann. Nach dem Studium wählte er den Beruf
des Journalisten, während sich sein Bruder Nils als Musikwissenschaftler und Regisseur auch beruflich
dem barocken Theater widmet.
Die Leidenschaft der in Berlin lebenden Zwillinge gehört dem literarischen Papiertheater. Begonnen
hat alles damit, daß Carsten seinem Bruder von einem Aufenthalt in England ein altes Papiertheater
mitbrachte. Nachdem eine erste Aufführung vor Freunden ein riesiger Erfolg wurde, entwickelte sich mehr
daraus. Nach alten Vorlagen stellten die Brüder nicht nur ihr eigenes Theater, sondern auch die von
Theatermalern entworfenen Kulissen und Figuren selbst her und bemalten sie.
Seit zwei Jahren treten die Niemann-Brüder auf Kleinkunstbühnen auf und setzen somit die Tradition
alter Salons fort, wo sich im 19. Jahrhundert Musiker und Dichter trafen. Im vergangenen Jahr nahmen
sie am Internationalen Papiertheater-Festival in Preetz teil und im Herbst planen sie ihre erste
"Tournee" durch Deutschland. Für 2004, das Lessingjahr, planen sie natürlich ein Lustspiel des
Dichters, das sie den Wolfenbüttelern sicherlich nicht vorenthalten werden.
Heute nachmittag hebt sich der Vorhang des Papiertheaters erstmals um 16 Uhr für "Das Lustspiel
nach dem Würfel" des Theaterdichters Georg Nikolaus Bärmann. Dabei handelt es sich um eine
Theatersatire, die sich durch ihren Sprachwitz besonders gut für das Papiertheater eignet. Vor
Beginn des Stückes werden vom Publikum zunächst Titel, Namen der Darsteller und der Handlungsablauf
ausgewürfelt. So erwartet die Zuschauer ein immer wieder einzigartiges Stück, das für sie selbst, aber
auch für die Akteure eine Überraschung ist und beiden Spielern gutes Aufeinandereingehen abverlangt.
Nur gut, daß Nils und Carsten Niemann Zwillinge sind!
Auch mit Molières barocker Komödie "Der Menschenfeind", die heute abend zu sehen ist, haben die
Brüder ein Stück ausgewählt, das man nicht so oft sieht. "Wir sind in einer Bibliotheksstadt
aufgewachsen, die viele Archive hat. So wühlen wir immer wieder nach Stücken und präsentieren
gern ungehobene Schätze", erklärt Nils Niemann.
In Räumen zu spielen, in denen sie als Kinder bereits mit dem Schulorchester aufgetreten sind,
ist für die beiden ein besonderes Vergnügen. Die Aufführungen sind wegen der Größe des
Papiertheaters jeweils auf 25 Zuschauer begrenzt. Es ist zu empfehlen, ein Opernglas
mitzubringen. Viel Vergnügen!